Gesellschaft 27.05.2013

Die Grüne Flut

"Ich weiß auch, wie man kürzt" - Protestplakat der Grünen Flut bei einer Demonstration in Valladoid (Bild: picture alliance / dpa
"Ich weiß auch, wie man kürzt" - Protestplakat der Grünen Flut bei einer Demonstration in Valladoid (Bild: picture alliance / dpa
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“Schande, Schande” skandieren die Demonstranten vor dem Bildungsministerium in Madrid. Seit Monaten gehen Lehrer, Schüler, Eltern, Studenten und Professoren immer wieder auf die Straße. Als Erkennungszeichen des Protests tragen sie, viele auch im Alltag, grüne T-Shirts. Oft ist von der “Grünen Flut” die Rede.

Auch vor einer Woche, als im Parlament über die Bildungsreform abgestimmt werden sollte, schwappte sie durch die Straßen: ”Es geht darum, das öffentliche Erziehungswesen gegen eine Regierung zu verteidigen, die uns in die Steinzeit zurück katapultieren will, in die 50er Jahre mit ihrem franquistischen Prüfungssystem. Es geht hier darum, diejenigen, die im System Schwierigkeiten haben, herauszufiltern, damit nur eine Elite Zugang zu höherer Bildung bekommt.”

Dass der junge Mann Erinnerungen an Franco-Zeiten heraufbeschwört, ist symptomatisch: ideologische Auseinandersetzungen prägen, ja blockieren die Bildungspolitik Spaniens seit Jahrzehnten. Wohl auch deswegen ist Schule in Spanien auch heute noch zuallererst Pauken. Zusammenhänge zu vermitteln, den Schülern Werkzeuge an die Hand zu geben, mit denen sie eigenständig neue Antworten finden können, das spielt im Unterricht eine untergeordnete Rolle – und wird sich auch mit der neuen Reform nicht ändern.

Gleichstellung, neue Werte – Nein Danke

Stattdessen wird das unter den Sozialisten eingeführte Fach Bürgerkunde abgeschafft – “Gott sei Dank”, sagt Luis Carbonel vom katholischen Elternverband ONNCAPA: “Wir haben das immer gefordert, weil dieser Unterricht die Schüler indoktriniert.” In Bürgerkunde ging es um gesellschaftliche Veränderungen, um die Gleichstellung von Frauen, neue Familienformen und Werte, Homophobie. Nein danke, sagt die konservative Regierung.

Auch der Kampf mit Katalonien und dessen Sprachpolitik, dem Konzept der so genannten “inmersion linguistica”, spiegelt sich in der Bildungsreform: Madrid will durchsetzen, dass Schüler auf Verlangen auf Spanisch unterrichtet werden, statt wie in Katalonien inzwischen praktisch durchgehend üblich, auf Katalanisch.

Praxisfern und ohne Perspektive

Die verbissenen Auseinandersetzungen auf Nebenschauplätzen sind umso unverständlicher, als im Grunde alle Beteiligten in der Analyse des Hauptproblems übereinstimmen: ”In Spanien macht jeder vierte Schüler maximal den Hauptschulabschluss. Das ist ein Drama.” Das liege auch daran, sagt Bildungsminister José Ignacio Wert, dass die Ausbildung in Spanien praxisfern sei und damit wenig Perspektive biete.

Das immerhin soll sich nun ändern, Spanien will sich dem dualen Ausbildungssystem in Deutschland nähern. Ähnlich ist es mit den geplanten Veränderungen im Prüfungssystem: bisher gibt es nach der Oberstufe eine einzige Prüfung, die entscheidet, ob und was man studieren kann – in Zukunft sollen ähnlich wie beim deutschen Abitur die Leistungen der letzten Schuljahre mit einfließen.

Kein Abebben in Sicht

Der Hauptgrund für die seit Monaten wiederkehrenden, wütenden Proteste auf der Straße sind tatsächlich weniger die Reformpläne, als Sparpläne. Seit zwei Jahren gehen die Ausgaben im Bildungsbereich zurück, im Zuge der Konsolidierungspolitik wird auch dort gekürzt.

Viele Stellen fallen weg: “Wenn ein Lehrer ein paar Wochen krank ist, dann wird dafür keine Aushilfe mehr engagiert. Wenn es ein Fach wie zum Beispiel Mathematik ist, ist das ein echtes Problem.” Ein Ende der Kürzungswelle ist nicht abzusehen, das Abebben der grünen Flut dementsprechend auch nicht.

Reinhard Spiegelhauer