Gesellschaft 28.02.2013

“Machen Sie was, Frau Reding”

Politiker müssen zuhören - meint EU-Kommissarin Reding im Gespräch mit Stephanie Lob. Wir trafen sie in ihrem Büro im Kommissionsgebäude (Bild: Markus Dichmann / Deutschlandfunk)
Politiker müssen zuhören - meint EU-Kommissarin Reding im Gespräch mit Stephanie Lob. Wir trafen sie in ihrem Büro im Kommissionsgebäude (Bild: Markus Dichmann / Deutschlandfunk)

“Werkstatt Europa” im Gespräch mit Viviane Reding, Vizepräsidentin der EU-KommissionWir fragten: Wie viel sind Brüssel die Bürgerrechte wert? Wie viel Öffentlichkeit verträgt die EU?

Sie ist eine der Frontfrauen der EU-Kommission: Viviane Reding. Die 61-jährige Luxemburgerin ist zuständig für Justiz, Grundrechte und Bürgerschaft und zugleich Stellvertreterin von Präsident Barroso. Ihre Forderung nach einer Frauenquote für Aufsichtsräte hat auch in Deutschland hohe Wellen geschlagen. In ihrem Büro im 12. Stock des Kommissionsgebäudes in Brüssel liegt ein raumfüllender Teppich in Europablau mit gelben Sternen, an den Wänden hängen Bilder ihrer Söhne und Karikaturen. Als gelernte Journalistin nimmt Reding kein Blatt vor den Mund und scheut auch die Auseinandersetzung mit Spitzenpolitikern nicht – so im Streit mit dem früheren französischen Präsidenten Sarkozy um die Abschiebung von Roma im Jahr 2010. Damals sagte sie einen Satz, der viel über ihren Charakter verrät: “Wenn ein Mann in der Politik mit der Faust auf den Tisch haut, ist das männlich. Wenn eine Frau mit der Faust auf den Tisch haut, ist sie hysterisch.”

Stephanie Lob: Frau Reding, 2013 ist das “europäische Jahr der Bürger”. Warum braucht man dafür ein eigenes Jahr? Die Bürger müssten doch immer im Mittelpunkt stehen.

Europa muss von unten nach oben gebaut werden

Viviane Reding: Das ist eine gute Frage. Die Menschen fühlen sich bereits als Europäer. 85 Prozent der Deutschen sagen, sie sind Deutsche und Europäer. Aber gleichzeitig sagen dieselben Menschen, wir wissen nichts über unsere Rechte. Deshalb die Notwendigkeit, sowohl zu informieren als auch den Menschen zuzuhören. Die haben uns nämlich so manches zu sagen: ihre Träume, ihre Wut, ihre Fragen, auf die sie nie eine Antwort bekamen. Europa darf nicht nur von oben nach unten gebaut werden, es muss von unten nach oben gebaut werden, mit den Menschen zusammen, und da müssen Politiker das tun, was sie nicht können, nämlich: zuhören.

Lob: Sie haben Bürger-Dialoge in ganz Europa veranstaltet. Was bekommen Sie da zu hören?

Ich treffe viele verzweifelte Menschen

Reding: Selbstverständlich steht die Krise im Zentrum, auch wenn das ist in Deutschland vielleicht nicht so der Fall ist. Aber wenn ich nach Griechenland, nach Portugal, nach Irland gehe, sind da viele verzweifelte Menschen. Sie sagen, wir haben nicht mehr genug Einkommen, um über die Runden zu kommen. Was macht ihr denn für die Jugendarbeitslosigkeit? Die Hälfte unserer jungen Menschen hat keine Zukunftsperspektive. Mit diesen Fragen muss man sich auseinandersetzen, und das ist nicht immer einfach

Außerdem wollen die Menschen, dass Europa die Probleme löst. Nun hat mir zum Beispiel in Berlin eine Dame erklärt, dass das Bildungssystem nicht funktioniert. „Machen Sie was, Frau Reding“, hat sie gesagt. Da musste ich der Dame leider erklären, dass Bildung in Deutschland in der Zuständigkeit der Länder liegt.

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